Pflanzenheilkunde

Pflanzliche Arzneimittel erfreuen sich heute zunehmender Beliebtheit, da viele positive Wirkungen von Pflanzenstoffen inzwischen wissenschaftlich erwiesen sind. Nach vielen Jahren, in denen die Chemie auch bei minder schweren Erkrankungen die Vorherrschaft innehatte, besinnen sich viele Menschen wieder auf die Wurzeln der Traditionellen Medizin. Oftmals weisen pflanzliche Arzneien geringere Nebenwirkungen auf als chemische Medika-mente. Die Pflanzenheilkunde wird auch als Phytotherapie bezeichnet. Die Phytotherapie kommt vor allem bei leichten Erkrankungen wie Erkältungen oder auch bei chronischen Beschwerden zur Anwendung.

Hintergründe

Der Begriff der Phytotherapie entstand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Arzt Henri Leclerc. Er beschrieb »Die Wissenschaft von der Anwendung pflanzlicher Heilmittel bei kranken Menschen«. Unter seiner Arbeit verstand er die Behandlung und Prävention von Krankheiten mithilfe von Pflanzen und daraus gewonnenen Produkten. Pflanzliche Arzneimittel werden auch als Phytopharmaka bezeichnet und es werden verschiedene Schulen unterschieden: Die naturwissenschaftlich orientierte Phytotherapie und die empirisch (Erfahrungsheilkunde) orientierte Pflanzenheilkunde unterschieden. Erstere, die rationale Phytotherapie, erforscht intensiv das Risiko-Nutzen-Verhältnis und untersucht die physiologischen und pharmakologischen Wirkungsspektren einzelner Inhaltsstoffe. Letztere konzentriert sich auf das umfangreiche überlieferte Wissen und die traditionelle Anwendung der Heilpflanzen.

Geschichte der Phytotherapie

Die Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde ist so alt wie es Menschen gibt. Pflanzen gelten als die ältesten Heilmittel überhaupt und bildeten bereits vor Jahrtausenden die Grundstoffe für die ersten Arzneien. Die Geschichte der Pflanzenheilkunde geht jedoch deutlich weiter zurück, sie ist eine der ältesten medi-zinischen Therapieformen auf unserem Planeten. Das Wissen um die Heilkraft der Pflanzen erstreckte sich bereits in der Antike über alle Kontinente und Kulturen. Nicht nur Griechen und Römer verfügten über effektive Pflanzenrezepte auch Araber, Ägypter, Chinesen und Inder, hatten ihren speziellen Schatz an Heilkräutern.

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Granatapfelbaum Villa di Livia

Antike und Mittelalter 

Der griechische Arztes Dioskurides aus dem 1. Jahrhundert schrieb eines der ältesten, heute bekannten medizinischen Werke Europas, die Materia medica. Dieses pharmazeutische Werk beschreibt in fünf Bänden, überwiegend pflanzliche, aber auch mineralische und tierische Heilmittel. Es umfasst ca. 1.000 Arzneimittel (813 pflanzliche, 101 tierische, 102 mineralische) und 4.740 medizinische Anwendungen. Es wurde zum bedeutendsten Werk der Kräuter-heilkunde, es enthielt das gesamte medizinische Wissen der damaligen Zeit und wurde bis zur Renaissance verwendet.

Im frühen Mittelalter war die Materia medica das wichtigste antike Werk für die Klostermedizin, die 527 mit der Gründung des ersten Klosters auf dem Monte Cassino, in der Provinz Frosinone in Italien, ihren Anfang nahm. Die damaligen Päpste verpflichteten die einzelnen Klöster zu bestimmten Verrichtungen. Die wichtigste Aufgabe der Mönche war die Krankenpflege, die Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert auf alle katholischen Orden ausweitete. Noch weiter ging Kaiser Karl der Große, er verpflichtete die Klöster per Gesetz dazu, Kräutergärten anzulegen. Es sollten unter anderem Bockshornklee, Salbei, Minze, Wermut, Fenchel und Schlafmohn angepflanzt werden. Im Mittelalter erreichte die Klostermedizin ihren Höhepunkt. Im 12. Jahrhundert war es Hildegard von Bingen, die nicht nur die Erfahrungen früherer Zeiten sammelte, sie erweiterte dieses Wissen auch um Pflanzen, die bis dahin noch nicht zu den Heilpflanzen zählten. Eine davon ist die Ringelblume (Calendula officinalis), die bis heute in vielen Salben verarbeitet wird.

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Ringelblume

Antike Heilpflanzen erleben eine Renaissance 
Lange galt dieses Wissen als vergangen und überholt, viele Menschen vertrauten eher der modernen Medizin und ihren chemisch-synthetisch hergestellten Medikamenten. Nur in der Volksheilkunde bestanden viele Pflanzen als Heilmittel. Ob Kamille, Efeu oder Eisenkraut - sie alle werden seit Jahrtausenden als Arzneien eingesetzt.

Antibiotika wirken immer häufiger nicht mehr, dafür werden viele der alten Heilpflanzen auf ihre medizinische Effektivität untersucht. Die Wissenschaftler stellen des Öfteren fest, dass einige der antiken Rezepturen sehr wohl ihre Berechtigung haben. Der Granatapfelbaum hatte in der Levante, in den Länder am östlichen Mittelmeerraum gelegen, ein sehr hohes Ansehen. In der Ägäis, der Türkei, in Zypern, dem Libanon, in Palästina, im historischen Syrien und Ägypten benutzten die Menschen einfach alles vom Granat-apfelbaum. Nicht nur die Früchte, die Rinde der Zweige, die Blätter, Blüten und die Wurzeln waren bei den damaligen Menschen bekannt für ihre Heilkräfte. So empfahl schon Dioskurides eine Abkochung aus der Wurzel des Granatapfelbaumes zu trinken, um Bandwürmer abzutöten. Und die heutige Wissenschaft bestätigt, das enthaltene Pyridin-Alkaloid lähmt den Wurm tatsächlich. Hippokrates gab Fiebernden Kranken Granatapfelsaft. Auch diese Wirkung wurde untersucht und hat sich bestätigt.

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Granatapfel

Der Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) ist ein altbekanntes Gewürz, in China und Indien es ist aber auch schon sehr lange Bestandteil der traditionellen Kräuterheilkunde. Im alten Ägypten zerrieb man die Samen, kochte sie mit Honigmet und machte damit Umschläge bei Geschwulsten. Wie man jetzt weiß, wirken die Samen entzündungshemmend, antibakteriell und cholesterinsenkend. Für Sitzbäder bei Gicht oder mit Wein gekocht als Umschlag gegen Geschwüre. Auch die alten Griechen und Römer schätzten ihn als wirksames Mittel gegen viele Erkrankungen. Die Griechen brannten ihn in Eisenpfannen, knusprig braun und verzehrten ihn bei ihren regelmäßigen, philosophischen Treffen. Die kleinen knusprigen Samen sollen das Denken angeregt haben. In der chinesischen Medizin wird er vor allem dann verwendet, wenn die Beschwerden mit innerer Kälte einhergehen. Dies gilt auch für seine Anwendung bei Schmerzen im Bewegungsapparat oder bei Menstruationsbeschwerden. Analog wird er in der ayurvedischen Medizin als wärmendes Thera-peutikum eingesetzt, das die Lebens- und Stoffwechselenergie und mit ihm das Pitta anregt.

Gurkenkraut  

Die Gladiatoren in Rom haben sich mit Öl aus Dill eingerieben, um Schmerzen vorzubeugen. Dill, auch Gurkenkraut genannt, wegen seiner Verwendung beim Einmachen von Gurken, stammt vermutlich aus Südeuropa und Vorderasien. Die heilende Wirkung von Dill wurde auch bei der Behandlung von Wunden der Gladiatoren eingesetzt.

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Flora Villa di Arianna römische Wandmalerei 1. Jahrhundert

Dill ist sowohl ein Gewürz als auch ein Heilmittel. Neben seiner entzündungshemmenden Wirkung kann man Dill zur Behandlung von Appetit- und Schlaflosigkeit mit Erfolg verwenden. Als Kraut eingenommen wirkt Dill gegen Blähungen, es wirkt insgesamt krampflösend auch bei Menstruationsbeschwerden, bei Nieren-leiden, Leber- und Gallenerkrankungen. Eine Art Magische Wirkung wurde Dill im Mittelalter nachgesagt. Bräute steckten sich Dill in die Schuhspitzen. Beim Gang zum Altar sollten sie leise vor sich hinsprechen. »Ich hab Senf und Dill, mein Mann muss tun, was ich will«. Es wurde auch Dill an die Tür gehängt, das sollte auch Hexen und böse Geister vertreiben.

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Dill

Eibisch 

Der Echte Eibisch hatte auch eine reichhaltige Indikationsliste, sie reicht von Abszessen über Brandwunden und Steinleiden bis hin zu Zahnweh. Die Römer verwendeten die Pflanze als Suppenkraut und zur Füllung von Spanferkeln. Aus den Stängeln, Sprossen, Blättern und der Wurzel; wurde die Süßware Marshmallow hergestellt, die auf die französische pâte de guimauve bzw. den sogenannten Eibischteig zurückgeht. Der Name Marshmallow leitet sich von der englischsprachigen Bezeichnung marsh mallow, zu Deutsch: Sumpf-Malve für den Eibisch ab. Heute ist nur noch die Verwendung im Hustensaft übriggeblieben.

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Echter Eibisch

Bilsenkraut  

Eine große magische Zauberpflanze der Antike war das Bilsenkraut - Hyoscyamus niger. Von weissagenden Frauen wurde es zur Erzeugung einer Trance eingenommen. Heute ist wissenschaftlich belegt das alle Pflanzenteile stark wirksame Tropanalkaloide enthalten. Sie  hemmen Teile des unwillkürlichen Nervensystems und entkrampfen die glatte Muskulatur. Bereits der stark aromatische Geruch der Pflanze wirkt betäubend. Doch den höchsten Wirkstoffgehalt weisen die Samen auf. Schon 15 Samenkörner können für Kinder tödlich wirken. Als Gift- und Heilpflanze hat die Verwendung von Bilsenkraut eine lange Tradition. Dioskurides verschrieb die Pflanze als Schlafmittel, wenn seine Patienten nicht zur Ruhe fanden. Der italienische Arzt Matthiolus achtete die blutstillende Wirkung der Pflanze. Krämpfe, Geschwüre und Schmerzen waren weitere Indikationen. Im Mittelalter diente die Pflanze vielen Ärzten als Narkosemittel, etwa bei chirurgischen Eingriffen. Heute steht die entkrampfende und beruhigende Wirkung des Bilsenkrauts im Vordergrund.

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Blisenkraut

Hanf  

Hanf wurde bereits vor 12.000 Jahren in Persien und China als Getreide angebaut. Hanfsamen wurden gegessen, die Fasern zur Herstellung von Kleidung verwendet. Im Römischen Reich wurden wegen Hanf Kriege geführt. Die Chinesen machten Papier aus Hanf. Im 13. Jahrhundert kam der Papierrohstoff Hanf schließlich nach Europa. vom ersten Jahrtausend vor Christus bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1455 druckte Gutenberg seine erste Bibel auf Hanf. Als Kolumbus 1492 über den Nord Atlantik, Richtung Amerika fuhr, bestanden Segeltuch und das gesamte Tauwerk der Schiffe aus Hanf. Kolumbus brachte den Hanf nach Amerika. Die ersten Entwürfe der US-amerikanischen Verfassung und die 1776 unterzeichnete Unabhängigkeitserklärung wurden auf Hanfpapier geschrieben. Die erste Jeans, die der nach Amerika ausgewanderte Bayer, Levi-Strauss 1870 produzierte, war aus Hanf. Hanf war weltweit die am häufigsten angebaute Nutzpflanze. Besonders begehrt war die Hanfpflanze aufgrund ihrer heilenden Kraft. Der Hanf war im alten Ägypten als Heilmittel in Gebrauch, die Wunden der Krieger wurden mit Cannabisblättern abgedeckt, sie benutzten Hanf gegen Gicht und Apathie.

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Cannabis

In Deutschland ist Cannabis seit 2011 als Schmerz- und Arzneimittel zugelassen. Ein Blick zurück lohnt immer. Die alten Quellen aus der Antike oder die des darauf aufbauenden mittelalterlichen Medizinwissens sind interessante Wegweiser dafür. Denn in vielen Kräutern, die bei uns wachsen, könnten bislang noch ungeahnte Heilwirkungen stecken.

Efeu und  Eisenkraut

Die Lieblingspflanze des Weingottes Dionysos war der immergrüne Efeu, er war eine Art Rauschmittel. In der modernen Heilkunde ist er eine Hustenarznei. In hohem Ansehen stand bei den Römern das Eisenkraut. Es galt als Allheilmittel. Heute weiß man, dass das enthaltene Glykosid Verbenalin tatsächlich abschwellend, wundheilend und fiebersenkend wirkt.

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Efeu - Hedera Helix

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Eisenkraut - Verbena offic.


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